Ich habe einen (ersten) Ruf auf eine HAW-Professur erhalten. Aber als Norddeutsche möchte ich gar nicht an den Standort im Süden ziehen und auch meine Familie dahin „verpflanzen“. Könnte es sich ungünstig auf mich auswirken, wenn ich den Ruf aus familiären Gründen ablehne?
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Erfolg.
Sie stehen jetzt vor einer Entscheidung, die nicht nur privat sondern auch strategisch anspruchsvoll ist. Warum? In Wirtschaft und Verwaltung ist es meist unproblematisch, eine Stellenzusage abzulehnen.
Bei Professuren ist die Lage etwas anders. Zwar werden Rufe immer wieder abgelehnt – etwa wenn Professor:innen den Ruf für Bleibeverhandlungen nutzen oder parallel mehrere Rufe haben. Das befördert sogar das Renommee in der jeweiligen academic community. Zeigt es doch, dass die Person auf dem akademischen Markt sehr gefragt ist.
Gibt es keine Alternativangebote, gilt jedoch oftmals die ungeschriebene Regel: Einen ersten Ruf lehnt man nicht ab – und schon gar nicht aus Gründen, die bereits vor der Bewerbung bekannt waren.
Da die Auswahlprozesse an Hochschulen mit erheblicher Aufwand für Kommission, Gutachter:innen und Gremien verbunden sind, wird erwartete, dass eine Bewerbung ernst gemeint ist.
Inwieweit könnte Ihnen eine Ablehnung schaden?
Möglicherweise wird bei der nächsten Bewerbung bezweifelt, ob Sie wirklich an den Standort kommen möchten. Als Konsequenz lädt man Sie vielleicht nicht zum „Vorsingen“ ein oder – wenn man erst im Auswahlprozess erfährt, warum Sie einen Ruf abgelehnt haben – kommen Sie nicht auf die Liste.
Ob das in Ihrem Fall geschehen wird, ist schwer zu prognostizieren, denn es spielen noch anderer Faktoren mit hinein: Vielleicht sind Sie eine der ganzen wenigen für die Professur qualifizierten Personen. Vermutlich ist die Kommission hier eher bereit, die Ablehnung des ersten Rufs nicht weiter zu beachten, als in einem Fach, in dem man zwischen 30-40 guten Bewerbungen auswählen kann.
Vielleicht treffen Sie auch auf eine familienfreundliche Kommission, die Ihre Entscheidung versteht oder zumindest neutral bewertet, so dass sie keinen Einfluss auf den Auswahlprozess hat.
• Falls Sie den Ruf ablehnen, müssen Sie die privaten Motive nicht notwendigerweise kommunizieren. Bisweilen gibt es auch fachliche oder strukturelle Gründe, die schwerwiegend sind. Etwa mangelnde Geräte- und Laborausstattung, ein unklarer Dienstort, eine überraschend hohe Lehrbelastung, begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten oder – bei privaten Hochschulen nicht ausgeschlossen – ein Gehalt, das nicht zu Verantwortung und Lebensplanung passt.
• Üblicherweise werden Listenplatzierung bei weiteren Bewerbungen angegeben. Sie könnten aber auch darauf verzichten. Allerdings kennt man sich in vielen Communities und Ihre Ablehnung könnte sich schon herumgesprochen haben. Falls Sie familiäre Gründe angegeben haben, könnten Sie auf Nachfrage antworten: Der damalige Standort passte unter den konkreten Rahmenbedingungen nicht zu meiner Lebenssituation. Ich bin aber weiterhin sehr an einer Professur an diesem Standort interessiert.
• Strategisch naheliegend ist, sich künftig gezielt an Standorten zu bewerben, die für Sie und Ihre Familie realistisch sind. Dort wird man Ihre Ernsthaftigkeit kaum bezweifeln.
• Den Ruf annehmen, pendeln und sich perspektivisch weiter in der Nähe des eigenen Wohnorts bewerben, um so die Pendelzeit zu verkürzen.
Am Ende ist eine Rufablehnung nicht automatisch ein akademischer Karrierebruch sondern eine legitime Option, die allerdings eine Risikoabwägung benötigt. Alles Gute für Sie!
Franziska Jantzen ist Coach und Karriereberaterin. Sie informiert auf „Vorsingen, dem Blog für die letzten 100 Meter auf dem Weg zu Professur“ über die Fallstricke von Berufungsverfahren. Als Mitglied des Coachingnetz Wissenschaft berät sie in ZEIT WISSEN3 die Scientific Community als „Dr. acad. Sommer“. https://jantzen-entwicklungen.de/blog, https://coachingnetz-wissenschaft.de
Bild: Marie Merz/ Photocase
(c) Franziska Jantzen
29.07.2026
Franziska Jantzen
entwicklungen
Friesenstraße 17 · 30161 Hannover
Tel.: 0049 (0)511-89711494
E-Mail: info@jantzen-entwicklungen.de